Auf gleicher Augenhöhe - Max Liebermanns
"Zwölfjähriger Jesus im Tempel"

August Heuser
 

Zwei immer wieder zur Weihnachtszeit gerne im Fernsehen gesehene pädagogische Katastrophengeschichten mit gutem Ausgang sind der Film Kevin allein zu Haus und dessen Fortsetzung Kevin allein in New York. Im ersten Teil vergessen die Eltern ihren achtjährigen Sohn bei der Abreise in den Winterurlaub in der Wohnung. Während das Kind daheim noch alleine spielt, sind die Eltern schon längst in pädagogischer Ahnungslosigkeit in den Urlaub gestartet. Erst spät, sehr spät fragen sie: „Wo ist Kevin?“ Die Katastrophe endet schließlich mit einer glanzvollen Weihnachtsfeier. Eine ähnliche Geschichte ist die vom zwölfjährigen Jesus im Tempel. Es ist eine in jeder Hinsicht und mehr noch unter pädagogischen Fragestellungen bemerkenswerte Geschichte aus scheinbar längst vergangenen Zeiten. Einige filmreife pädagogische Katastrophen werden da zum Abschluss der Kindheitsgeschichten von Lukas (2, 41-52) erzählt. Maria und Josef nehmen ihr Kind, den zwölfjährigen Jesus, zum ersten Mal mit zur Feier des Pessachfestes in Jerusalem. Der Besuch der Festfeier war für die Eltern und ihren
zwölfjährigen Sohn, wie für alle Israeliten, eine religiöse Verpflichtung. Hier geschieht nun bei der Abreise die erste pädagogische Katastrophe: Die Eltern bemerkten nicht, dass Jesus in Jerusalem geblieben war. Sie glaubten ihn vielmehr bei Bekannten. Erst als sie schon eine Tagesreise von Jerusalem entfernt waren, wurden sie unsicher und suchten ihn überall, „und als sie ihn nicht fanden, kehrten sie nach Jerusalem zurück, um ihn dort zu suchen“ (Lk 2, 45). Die nächste Katastrophe: Erst nach drei Tagen fanden sie Jesus. Der Zwölfjährige war also schon fünf Tage in einer Großstadt ohne Aufsicht und auf sich selbst gestellt. Und als sie ihn fanden, saß er bei den Gelehrten, „hörte ihnen zu und fragte sie“ (Lk 2, 46). Und schließlich ist zu rügen: Die Eltern, die doch für ihr Verhalten und dessen Folgen selbst verantwortlich sind, schieben die Verantwortung auf ihr Kind, das sich übrigens tadelsfrei verhalten  hat, und fragen vorwurfsvoll:
„Kind, warum hast du uns das angetan?“
(Lk 2, 48). Der Jesusknabe pariert den Vorwurf sanft: Ihr hättet doch wissen müssen, wo ich mich aufhalte – PISA lässt grüßen –, nämlich dort, wo ich etwas lernen kann. Die Erzählung vom
zwölfjahrigen Jesus im Tempel ist unter den weihnachtlichen Epiphaniegeschichten eine bildhistorisch eher unbeachtete Geschichte. Die Geburtsgeschichte nach Lukas und die Geschichte von den drei Magiern nach Matthäus laufen ihr bildnerisch den Rang ab. Die Geschichte vom zwölfjährigen Jesus im Tempel macht nichts her, sie ist schnörkellos, nicht  idyllisch, sie ist einfach nur eine familiäre Katastrophengeschichte.

Max Liebermann, 1847 in Berlin geboren und dort 1935 gestorben, einer der großen deutschen
Maler im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts, hat die Geschichte (vielleicht zum letzten Male in der Kunstgeschichte) mit großem Anspruch gemalt. Wahrscheinlich geht das Bild auf Studien zurück, die Liebermann nach 1872 bei mehrfachen Aufenthalten in den Niederlanden, in Haarlem und Amsterdam und später in Venedig machte. Dem Juden Liebermann war die große Portugiesische Synagoge in Amsterdam sicher nicht unbekannt. Bei einem Venedig- Aufenthalt zwei Jahre später besuchte er wohl auch die dortige Synagoge und übernahm von dort als Ausstattungsstück des Bildes die Wendeltreppe im Hintergrund, die hoch in den Frauenraum  führte.
Der Realismus der Szene ist eindeutig beobachtet und doch von Antagonismen begleitet, die nur durch die Aufnahme des Bildes in christlichen  Kreisen Münchens zu erklären sind. Die Jesusdarstellung der Erstfassung des Bildes, die heute wohl keine Probleme  mehr verursachen würde, löste eine Debatte im damalig Bayerischen Landtag aus und erregte die christlichen Kunstblätter ihrer Zeit. Die antijüdische Hetze nahm sich das Bild vor und sah in ihm mehr, als der Maler malte: „Ein schielender Judenknabe im schmutzigen Kittel mit rotem Haar und mit Sommersprossen verhandelt, ja handelt mit übelriechenden, gemeinen Schacherjuden in schmutzigen Säcken und Gebetsmänteln – das hießen Volks- und Poesiegenossen des jüdischen Malers, „ein realistisch wahrscheinliches Bild des zwölfjährigen Jesus im Tempel“, so das christliche Kunstblatt für Kirche, Schule und Haus. So blind kann Rassenhass und Glaubenseifer machen.
Die Kritik an dem Bild bzw. der Hass auf das Bild war so stark, dass Liebermann sich bemüßigt fühlte, den Realismus des Bildes abzuschwächen, den Jesusknaben zu überarbeiten und ihn zu verschönern. Was ist zu sehen? Im hinteren Teil der Synagoge spricht  der zwölfjährige Jesus mit fünf jüdischen Frommen. Zwei haben die Schrift aufgeschlagen in der Hand, drei hören dem Knaben zu. Jesus gestikuliert mit den Händen, als wolle er sein Herz vor die Anwesenden tragen. Er diskutiert – bei Liebermann stehend, gegen den Lukastext – mit einem Schriftgelehrten, der einen Gebetsschal über seine Schultern trägt. Der hört aufmerksam zu, ist erstaunt über das, was er aus dem Munde und dem Herzen eines Kindes hört und empfängt. Dabei hat Liebermann weder den einen noch den anderen erhöht oder erniedrigt. Sie sprechen „auf Augenhöhe“ wie Herbert Fendrich festgestellt hat. Der Schriftgelehrte sitzt auf einem Stuhl, der Zwölfjährige steht vor ihm – Auge in Auge geschieht die Auslegung der Schrift, geschieht das Lernen. Das Licht, von einer unbestimmten Lichtquelle von links oben kommend, umfasst die Diskutierenden gleichermaßen. Alle nehmen an einem Erkenntnisprozess teil. Niemand belehrt den Knaben, vielmehr hören die erwachsenen Lehrer zu, lassen sich von einem Kind etwas über Gott und die Welt sagen und bedenken es in ihrem Herzen. An den Gesten der Erwachsenen erkennt man: Was das Kind sagt, stimmt nachdenklich und bewegt.
Pädagogik auf Augenhöhe scheint dann zu gelingen, wenn das Kind und das, was es zu sagen hat, wahrgenommen und gewürdigt werden. Dies geschieht zunächst, wie Liebermanns Bild zeigt, durch Zuwendung der Lehrer zum Kind. In dieser Zuwendung und Hinwendung steckt das Ernstnehmen des Kindes als Gesprächsteilnehmer und die Offenheit für das, was das Kind zu sagen hat. Das ist die eine Seite der Interpretation. Soweit, was der Kunsthistoriker sieht und der Pädagoge zu sagen hat.
Vielleicht darf der Theologe bei der Interpretation eines Bildes ein wenig weitergehen als der Kunsthistoriker und der Pädagoge: Der Schriftgelehrte wie sein Kollege oben links, die beide den Jesusknaben in der Bildmitte anschauen und ihm zuschauen, lassen das aufgeschlagene Buch sinken. Der Gelehrte „auf Augenhöhe“ besteht nicht mehr auf der Weisheit des Buches und auf all seiner Buchgelehrsamkeit, auf der Schrift und dem Wort. Die heiligen Schriften sind ihm im Gespräch mit dem Knaben nicht mehr wichtig. Er achtet alleine noch auf das Kind und sieht ihm in die Augen – und in diesem In-die-Augen-sehen sieht er in diesem Kind das Fleisch gewordene Wort Gottes: Gott im Kind. Und im Anblick dieses Kindes geht ihm auf: Mit ihm endet und vollendet sich die Buchweisheit des Judentums. In diesem Kind ist das Wort Fleisch geworden. Das Wort ist über das Sehen erfahrbar und im Schauen ansichtig geworden. Der zwölfjährige  Jesus ist das Bild des lebendigen Gottes (Joh 14, 9). Das Wort und die Schrift haben damit ein für alle Mal als Ort der Gotteserkenntnis ausgedient. Gotteserkenntnis geschieht im fleischgewordenen Wort, in Jesus aus Nazaret. All das hat Max Liebermann vielleicht in diesem Text gespürt und in seinem Bild umgesetzt. – Der Direktor, Harald Busch, der Hamburger Kunsthalle schreibt nach der öffentlichen Präsentation des Bildes 1911 in seinem Haus an Liebermann über die Begegnung der Menschen mit diesem Bild: „Es ist ein wahres Andachtsbild. (...)  Niemand spricht ein Wort davor, es ist alles eitel Andacht und  Versenkung“.
Das Schicksal des Bildes spiegelt die politischen Ereignisse der Zeit. Liebermann tauschte das Bild gegen eines seines Malerfreundes Fritz von Uhde. Nach dessen Tod (1911) kaufte es die Kunsthalle Hamburg und stellte es aus. Das Bild fand in Hamburg viele Freunde und wurde endlich als Meisterwerk anerkannt. Bis 1935, dem Todesjahr des  Künstlers, hing es unter dem besonderen Schutz des damaligen Direktors der Kunsthalle in der Hamburger Sammlung, bis die Nazis ihn aus dem Amt jagten und das Bild an einen Hamburger Arzt verkauften. Dieser bewahrte es  auch in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Erst 1989 konnte die Hamburger Kunsthalle das Bild wieder für sich und alle Besucherinnen und Besucher dieser  bedeutenden Sammlung zurück erwerben. Der Tod im Jahre 1935 ersparte Max Liebermann die Schmach, von den Nazis nach Theresienstadt deportiert zu werden. Liebermanns Werke sind heute in den großen Kunstmuseen Deutschlands und Europas zu finden. Sein Werk gilt als bedeutender Beitrag zur Kunst in der zweiten Hälfte des 19. und am Beginn des 20. Jahrhunderts.

Erstveröffentlichung in: „meditation“, Heft 2/2005, S. 22-24. Prof. Dr. August  Heuser (1949) ist Direktor des Dommuseums Frankfurt am Main und des Diözesanmuseums Limburg.